Weniger ist manchmal mehr
Viele Direktvermarkter wollen dem Kunden ein
möglichst breites Verkaufssortiment bieten. Nur
so werden längere Anfahrtswege in Kauf genommen,
hört man immer wieder aus der Praxis. Dass es
auch anders geht, zeigt Familie Stahl aus
Oberwesel/Dellhofen. Die Rheinische
Bauernzeitung hat den Betrieb besucht.
Auf
Hof Stahl werden ausschließlich Erzeugnisse aus
eigener Produktion vermarktet.
Als Sieglinde Enderle-Stahl und
Klaus Stahl im November 1997 den eigenen
Hofladen eröffneten, verfolg- ten sie konsequent
den Grundsatz, aus- schließlich Produkte aus
eigener Herstellung zu vermarkten. "Wir kaufen
nichts ein, um es direkt wieder zu verkaufen",
so ihr Motto, dem sie bis heute treu blieben.
Einzige Ausnahme in diesem Punkt ist der Wein im
Verkaufssortiment, der aber quasi zur Familie
gehört. Er wird von nahen Verwandten
hergestellt.
Den landwirtschaftlichen
Betrieb in Dellhofen haben die beiden vor zehn
Jahren von Klaus Stahls Eltern übernommen. (...)
Die Weiden werden extensiv bewirtschaftet. Das
N-Düngeniveau liegt bei rund 60 kg N/ha.
Phosphat und Kalium werden ausschließlich nach
Entzug gegeben.
Das Sortiment aus eigener
Produktion umfasst Fleisch vom Rind, Schwein und
Lamm, Fleischwurst, Gänse, Nudeln und Eier.
Unter anderem werden Braten, Schnitzel,
Koteletts, Fleischkäse, Schinken, Gulasch,
Rouladen und Rumpsteaks vermarktet. Eine breite
Palette an Wurstwaren, frisch oder aus der Dose,
rundet das Sortiment ab.
Spezielle Rezepturen mit
Pistazien, Paprika oder Pilzen sorgen für
ständige Abwechslung im Angebot. Die
Hausmacherwurst ist frei von
Geschmacksverstärkern oder ähnlichem, und es
werden überweigend reine Naturprodukte
verarbeitet.
Die Dosen werden im eigenen
Betrieb befüllt und verschlossen. "Zurzeit ist
die Grillsaison angelaufen und Fleischspieße
oder eingelegte Steaks und Rippchen warten auf
Abnehmer", erläutert Sieglinde Enderle-Stahl das
jahreszeitlich abgestimmte Angebot.
Hofeigenes Futter für die
Tiere
Das Rindfleisch stammt von
Färsen oder Jungbullen aus der Nachzucht der
eigenen Mutterkuhherde. Es handelt sich
vorwiegend um Tiere der Rasse Limousin bzw.
Kreuzungstiere, die sehr robust und genügsam
sind. Der feine Knochenbau und die große
Fleischfülle garantieren eine hohe
Ausschlachtung und eine bessere Fleischqualität.
Das Rindfleisch wird in der
Regel als Hälften bzw. Viertel verkauft und
zerlegt und vakuumverpackt abgegeben. Vor Licht
geschützt wird es abgehangen und reift so etwa
12 - 14 Tage lang bei konstant 2 - 3 °C. Damit
bleibt es beim Braten saftig und ist zart und
aromatisch.
"Nahezu acht Monate im Jahr
bleibt die Herde auf der Weide. Das fördert die
Robustheit und Gesundheit der Tiere", sagt
Sieglinde Enderle-Stahl. Im Winter stehen die
Tiere ausschließlich im Tiefstall auf Stroh. Die
Schweine werden ebenfalls auf Stroh gehalten.
Klaus Stahl und Sieglinde
Enderle-Stahl mit den Kindern Rainer und Anna
haben ihren Hofladen vor fünf Jahren
eröffnet
Die Gänse laufen auf der Weide.
"Die letzten Tiere gehen Heilig Abend um 18 Uhr
über die Ladentheke", beschreibt Sieglinde
Enderle-Stahl das Saisongeschäft von St. Martin
bis Weihnachten. Abnehmer sind viefach
Gastronomen. In der Jugendphase und kurz vor dem
Schlachten werden die Gänse mit Getreide
beigefüttert.
Um das Sortiment mit Eiern und
Nudeln zu ergänzen, werden frei laufende Hühner
gehalten. Da kein Trockenraum zur Verfügung
steht, werden ausschließlich frische Nudeln
vermarktet. "Viele Kunden nehmen zum Gulasch
dann gleich die Nudeln mit", meint die gelernte
Bäckerin und inzwischen passionierte Bäuerin.
Sie hat die Direktvermarktung maßgeblich
aufgebaut und um die Geflügelhaltung mit Gänsen
und Hühnern erweitert. Alle Tiere werden
ausschließlich mit hofeigenem Futter versorgt.
"Vor dem Hintergrund von
BSE-Krise, Maul- und Klauenseuche sowie
Schweinepest ein unschätzbarer Vorteil", erklärt
ihr Mann. Bis zur BSE-Krise haben einige Kunden
nicht akzeptiert, warum wir unsere Produkte in
einem überschaubaren Rahmen halten. Sie wollten
nach Möglichkeit ein komplettes Angebot an
landwirtschaftlichen Erzeugnissen vorfinden. Die
Krise hat uns gezeigt, dass wir mit unser
Strategie richtig liegen. Die Kunden wissen
genau, wo und wie die Tiere gehalten werden und
was sie zu fressen bekommen. Das schafft eine
sehr gute Vertrauensbasis."
Vervollständigt wird der
Tierpark durch einen Streichelzoo, bestehend aus
zwei Schafen, einem Hund, mehreren Katzen,
Meerschweinchen und Kaninchen. "Eine Attraktion
und Landwirtschaft zum Anfassen für die
Kleinen", sagt Sieglinde Enderle-Stahl, selbst
Mutter von zwei fünf und zwölf Jahre alten
Kindern.
Klaus Stahl kümmert sich im
Wesentlichen um alle Arbeiten in der
Außenwirtschaft, während seine Frau den Hofladen
und die Selbstvermarktung betreut. Nebenbei
"betreibt er Wahlkampf. Von Montabaur bis Wörth
bei Karlsruhe stellt er als Subunternehmer
großflächige Plakate auf und betreut diese,
insbesondere links und rechts von der A 61.
Insgesamt sei er damit zweieinhalb Monate im
Jahr beschäftigt.
Rindfleisch am stärksten
nachgefragt
Die Rinder und Schweine werden
jeweils in kleinen Schlachtbetrieben in Laar
bzw. Simmern geschlachtet. Die weitere
Verarbeitung erfolgt wieder im eigenen Betrieb.
Dazu wurde ein Zerlegraum gebaut und mit
entsprechender Technik, wie Fleischwolf, Cutter
oder Vakuumgerät, ausgestattet. Das grobe
Zerlegen und Wursten erledigen ein
Metzgermeister und ein Fleischergeselle, die
dazu auf den Hof kommen.
Die Feinarbeiten, wie Rouladen
oder Gulasch schneiden sowie Grillspezialitäten
zubereiten, übernimmt Sieglinde Enderle-Stahl
selbst. Sie schlachtet und rupft auch die Gänse.
Das geschieht erst unmittelbar vor dem Verkauf.
Alle Arbeiten sind straff organisiert und laufen
nach einem bestimmtem Organisationsmuster
ab.
Für die Kühlung steht ein
gesonderter Raum zur Verfügung, wo das Fleisch
reifen kann und die fertigen Produkte aufbewahrt
werden. Gesundheits- und Veterinäramt
kontrollieren ständig, dass alle hygienischen
Bedingungen sorgsam eingehalten werden.
Begonnen wurde mit der
Selbstvermarktung 1992. Zunächst in der Form,
dass ganze Rinderhälften oder -viertel per
Telefon vermarktet wurden. Schließlich wurden
die Rinder zerlegt und in 10 kg-Paketen
verkauft. "Es war schon eine schwere und mühsame
Zeit, bis man ein gewissen Kundenstamm aufgebaut
hatte", berichtet Sieglinde Enderle-Stahl über
die ersten Jahre.
Drei Viertel der Kunden sind
Stammkunden, die wöchentlich oder alle 14 Tage
bzw. drei Wochen vorbeischauen. Geöffnet ist der
Laden freitags von 10.00 - 18.00 Uhr sowie
samstags von 8.00 - 14.00 Uhr. Auf telefonische
Absprache hin wird fast jeder Wunsch erfüllt.
Das Fleisch kann beliebig portioniert und
vakuumverpackt werden.
Am stärksten wird
Rindfleisch in allen Variationen nachgefragt.
Stahls haben sich Wir bieten Ihnen fachgerechte
Serviceleistungen - bei der Wurst auf fettarme
Produkte spezialisiert. Das erreichen sie durch
einen hohen Anteil von Rindfleisch in den
Rezepturen.
Neben dem eigenen Hofladen wird
in Bad Kreuznach ein Marktstand beliefert und
mehrere Feinkostläden in Mainz ordern die
Produkte. Zudem betreibt die Verwandtschaft in
Dellhofen ein Gasthaus und unterhält ein
Weingut. Beides nahezu ideale Partner für
Familie Stahl.
Im Gasthaus wird ein Teil der
erzeugten Produkte abgesetzt. Umgekehrt wird das
Sortiment im eigenen Hofladen um Weine wie
Riesling, Müller-Thurgau oder Blauer
Spätburgunder ergänzt.
Wenn im Weinberg Stroh benötigt
wird, liefert dieses selbstverständlich die
landwirtschaftliche Abteilung der Familie Stahl.
Aber nicht nur materiell unterstützt man sich
gegenseitig, ebenso packt jeder mit an, wenn
beim anderen Not am Mann ist. "Das ist ein
großer Vorteil für unsere Direktvermarkrung",
sagt Klaus Stahl über diese vertikale
Kooperation.
Keine Schnäppchen und
Billigangebote
Großer Wert wird auf
Transparenz und Aufklärung gelegt. Jeder
interessierte Kunde kann sich im Stall und auf
der Weide ein Bild von der Produktion machen.
Montags und Dienstags bietet sich die
Möglichkeit für Besichtigungen und intensive
Beratungsgespräche. Ein Service, der verstärkt
Anklang findet.
Im Laden kann sich der
Verbraucher auf Schautafeln darüber informieren,
woher das jeweilige Stück Fleisch vom Rind
stammt. Auf den Wurstdosen wird ebenfalls
geworben. "Mit der Wurst nach dem Schinken
schmeißen", so lautet das Motto, wenn es darum
geht ein neues Produkt an den Mann oder die Frau
zu bringen. Es gibt stets Rezeptvorschläge und
Probierpakete des Wurstangebotes.
Im Sommer bekommt der Kunde als
nette Beigabe zum Einkauf z.B. Sonnenblumen.
"Das kommt gut an", sagt Sieglinde
Enderle-Stahl. "Wir wollen Kunden, die auf
Qualität und Herkunft großen Wen legen und die
dann bereit sind, einen angemessen Preis zu
Zahlen. Verbraucher die nur auf Schnäppchen und
Billigangebote aus sind, sind bei mir fehl am
Platz", so die Direktvermarkterin
weiter.
"Ein eigenes Hoffest wäre sicher
eine gute Werbemaßnahme, läßt sich aber bei der
gegenwärtigen Arbeitsbelastung nur schwer
realisieren." Es steht ganz oben auf der Liste
fur zukünftige Projekte. Direkt dahinter folgt
eine Backstube.
"Zur besseren Vermarktung
unserer Produkte haben wir uns der
Fördergemeinschaft "Einkauf auf dem Bauernhof"
angeschlossen. Diese sorgt dafür, dass unser
Name auch über die Grenzen von Oberwesel hinaus
bekannt wird.
Bevor der Laden geöffnet wurde,
besuchte Sieglinde Enderle-Stahl zahlreiche
Seminare und Fortbildungsmaßnahmen. Zudem hat
sie beim Aufbau des Ladens große Unterstiitzung
von den Lebensmittelkontrolleuren und
Veterinären aus Simmern sowie der zustandigen
SLVA erfahren. Sie rät allen Landwirten, die
überlegen, in die Direktvermarktung
einzusteigen, am Anfang klein zu beginnen und
kontinuierlich zu steigern. Es sei nicht
unbedingt notwendig, sofort einen Laden zu
eröffnen, berichtet die gewiefte Unternehmerin
aus eigener Erfahrung.
Für die Zukunft
sieht Klaus Stahl ein wachsendes Absatzpotenzial
fur die eigenen Produkte in der umliegenden
Gastronomie. Oberwesel liegt touristisch
attraktiv am Rhein und die Zahl der
Ubernachtungen steigt von Jahr zu Jahr und damit
auch die Nachfrage nach guter Verpflegung.
Außerdem machen viele Urlauber auf dem Heimweg
noch schnell einen Abstecher zu Stahls, um sich
mit Fleisch- und Wurstwaren einzudecken, die sie
während ihres Uriaubs schätzen gelernt
haben.
Eine Erweiterung der
Produktpalette in der Direktvermarktung kommt
nur in Frage, wenn ein Betrieb gefunden wird,
dessen Produkte zum einen gut in das Sortiment
passen. Zum anderen wäre es eine absolut
notwendige Voraussetzung, über diese Erzeugnisse
genauso gut Bescheid zu wissen, wie über die
eigenen Produkten. Kein leichtes Unterfangen,
wenn man weiß, wie genau Sieglinde Enderle-Stahl
ihrer Arbeit nachgeht.
Quelle: Rheinische
Bauernzeitung vom 22.06.2002 -
Fotos: Dr. M.
Löbbert
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